Performer-Portrait

Ewald Kooiman: Weltenbummler und Philosoph

von Marcus Heinbach (Siegen)

Will man das Berufsfeld Ewald Kooimans in wenige Worte fassen, so ist man zum Scheitern verurteilt. Zu umfassend und vielfältig sind die Aufgaben und Berufungen, denen sich der profilierte Niederländer mit Elan und Leidenschaft widmet. Seit Jahrzehnten läßt ihm sein üppig gefüllter Terminkalender nur wenig Zeit zum Ausruhen.

Als Kosmopolit hat Kooiman viel von der Welt gesehen und nahezu alle Kontinente musikalisch bereist. Als Dozent und Interpret war er Gast bei unzähligen Orgelfestivals und Orgeltagungen, so z.B. in Berlin, Hamburg, Leipzig, Toulouse, Lahti, Pistoia und Wien. Neben seiner Tätigkeit als Professor für Ars organi an der Freien Universität von Amsterdam und Orgeldozent am renommierten Amsterdamer Sweelinck-Conservatorium übernahm Kooiman immer wieder Gastprofessuren in Antwerpen , Lyon, Wien, Cremona und Pretoria.

Zudem leitet er als Vorsitzender der Stiftung seit einigen Jahren die Geschicke der "Internationalen Sommerakademie für Organisten" in Haarlem, zu deren Stammdozenten er natürlich gehört. Bei Masterclasses "around the world", die auch heute noch fester Bestandteil seiner Arbeit sind, führte es den vielsprachigen Dozenten wiederholt nach Schweden, Dänemark und Deutschland, aber auch nach Japan und Korea.

Auch auf dem Phonomarkt ist Ewald Kooiman mit Aufnahmen stark vertreten. Über 50 unterschiedliche Schallplatten und CDs hat er eingespielt, darunter bei Coronata das gesamte Orgelwerk J.S. Bachs auf historischen Instrumenten.

Über 40 Bände mit Orgelmusik aus dem 17. – 19. Jahrhundert wurden unter den Titeln Incognito Organo und Repro Organo von Kooiman editiert und publiziert.

Große Bekanntheit erlangte Ewald Kooiman vorallem durch seine intensive Beschäftigung mit der Alten Musik und deren Darstellung. So verbinden Organisten weltweit den Namen Ewald Kooiman mit authentischer Bach-Interpretation und aufwendiger Quellen-Forschung. Wird der Professor zu Gastvorträgen, Orgelkursen oder Konzerten eingeladen, steht häufig der Wunsch nach Beschäftigung mit J.S. Bachs Orgelwerk im Vordergrund.

Dabei wird mitunter vergessen, daß Kooiman selbst mit dem Begriff "Spezialisierung" so seine Probleme hat. Spezialisierung bedeutet zu allererst eine Selektion zu treffen, bestimmte Dinge stärker andere hingegen weniger stark zu gewichten. Was die Kunst, und als solche wollen wir die Orgelmusik verstehen, anbelangt, ist es wichtig Spezialisierung nicht zur Beschränkung werden zu lassen, da diese ihrem Wesen widerspricht.

Der Interpret Kooiman will sich grundsätzlich nicht auf eine bestimmte Schiene festlegen lassen. Zwar ist die Alte Musik heute ein Schwerpunkt seiner Arbeit, dennoch hat er andere Epochen nicht ad acta gelegt. Für sich privat aber auch im Konzert läßt er dann und wann große Romantiker oder Werke der Moderne meisterlich erklingen, was dann viele verduzt, die den Künstler imaginär beschränken wollten. Hier darf man nicht vergessen, aus welcher Tradition Kooiman stammt und welche Inhalte seine Studien hatten.

Besonders zeigt Ewald Kooimans Werdegang, wie sich in der Orgelwelt des 20. Jahrhunderts Gewichtungen veränderten und Inhalte sich wandelten. Kooiman war und ist Zeitzeuge der wichtigsten Entwicklungen der Ars organi in dieser Epoche.

Lebensstationen und Erinnerungen

Ewald Kooiman, 1938 geboren, entscheidet sich nach seiner Schulausbildung zu zwei Studien mit recht unterschiedlichen Inhalten. Zum einen widmet er sich der Philologie & Literatur und schließt diese Studium an der Freien Universität von Amsterdam mit Promotion und Habilitation ab. Zum anderen begeistert ihn die Musik und hier speziell das Instrument Orgel.

Während die Orgelmusik in den Niederlanden der auslaufenden 50-er-Jahre noch vornehmlich von der Musikkultur an den großen historischen Kirchen geprägt war und der Organistennachwuchs in diesem Umfeld herangezogen wurde, entschied sich Kooiman zunächst für eine neue staatliche Ausbildungsform, die sich als Gegenpol zur Kirchenkultur in Amsterdam etablierte. Er wird dort von einem Schüler des damals bekannten belgischen Pädagogen Jean-Baptiste de Pauw unterrichtet. Kooiman selbst beschreibt diese Ausbildung, die mit einer erfolgreichen staatlichen Abschlußprüfung ihr Ende fand als altmodisch und traditionell-belastet. Kooiman: "Es wurde lediglich Handwerkszeug vermittelt"

Für Kooiman war klar, daß dies künstlerisch nicht alles sein konnte und so begann er neben seinen fortlaufenden Literaturstudien ein weiteres Studium an der Amsterdamer Hochschule bei dem von Kooiman bis heute hochgeschätzten Piet Kee. Kee, über viele Jahrzehnte Stadtorganist in Haarlem und Alkmaar, und lebende Institution in den Niederlanden, verkörperte zu Beginn der 60-er-Jahre einen neuen Lehrertyp.

Kooiman: "Piet hatte zu dieser Zeit nur wenige Schüler und war bemüht jeden Schüler seinen eigenen Weg gehen zu lassen. Er drückte keinen Stempel auf, sondern förderte die Kreativität jedes Einzelnen".

So ist es für die Fachwelt erstaunlich, wie sich Spielweise und Interpretation bekannter Kee-Schüler, genannt sein hier beispielhaft Ewald Kooiman, Jos van der Kooy und Jan Jongepier, unterscheiden. Kees Unterrichtsstil fern autoritärer Dogmatik hat seine Berechtigung bewiesen und ist natürlich auch bei den pädagogischen Ansätzen seines Schülers Kooiman wieder zu finden.

Die Studien in Amsterdam beendet Kooiman 1969 mit dem "Prix d´exellence".

Noch während des Studiums in Amsterdam macht Kooiman einen Studienabstecher nach Frankreich, um dort weitere wichtige Impulse zu erhalten.

Er studiert an der weltbekannten "Schola cantorum" in Paris bei Jean Langlais und lernt zudem die besondere französische Lebensart kennen, die ihn bis heute fasziniert. Er lernt die bekanntesten französischen Organisten dieser Zeit kennen und entdeckt maßgebliche Unterschiede zu bisher Gelerntem.

Kooiman: "Die französischen Organisten dieser Zeit waren sehr auf Virtuosität fixiert, gute virtuose Spieler, aber Wissenschaft war ihnen eher fremd"

Kooiman lernte in Frankreich eine neue Sicht der Dinge, die in beschäftigte und seine Entwicklung natürlich auch beeinflußte. Seine Studien an der "Schola cantorum" beendet Kooiman 1963 mit dem Titel "Prix de virtuosité".

Als besonders prägend beurteilt Kooiman die Haarlemer Sommerakademien der 60-er-Jahre, die er damals als Student besuchte. Mehr noch als heute war die Haarlemer Akademie damals der Treffpunkt für angehende Organisten in Europa und zudem das etablierte Podium für die bekannten Persönlichkeiten und Interpreten der Zeit. Ewald Kooiman erlebte den musikalischen Umbruch in Haarlem hautnah.

Die Musikforschung entdeckt bezogen auf die Orgelmusik im 20. Jahrhundert recht interessante Aspekte: So wurde bis in die 60-er Jahre hinein Orgelliteratur zwischen Bach und Mendelssohn nicht gespielt! – In Franreich waren die eigenen Romatiker, wie Guilmant, Widor und Vierne verpönt. Das Repertoire und auch die

Unterrichtsinhalte waren bewußt beschränkt. Eine besondere Form des Zeitgeistes, deren Auswirkungen vereinzelt noch heute zu spüren sind.

Kooiman: "Man spielte Buxtehude und Pachelbel zum Aufwärmen, dann natürlich Bach, vielleicht etwas Mendelssohn und dann Distler, vielleicht sogar Reger!"

Was nun in Haarlem und dann im gesamten musikalischen Europa passierte, stellte diese archaische Ordnung grundlegend auf den Kopf. Marie-Claire Alain unterrichtete altfranzösische Literatur, die bis dato kaum publik war. Innegalität war völlig unbekannt. Tagliavini stellte italienische Barockmusik vor, die niemand kannte geschweige denn spielen konnte. Gustav Leonhardt wagte es altenglische Musik vorzustellen und zu behandeln.

Kooiman: "Ungeheuerlichkeiten in der damaligen Zeit"

Der Aufbruch in die neue Zeit der Orgelmusik ist für den jungen Kooiman prägend. Was mit der "Alten-Musik-Bewegung" in anderen Bereichen des Musikwesens begann und mit der Namen wie Leonhard, Brüggen und Harnoncourt eng verbunden sind, vollzog sich dann mit Verspätung auch auf dem Orgelsektor. Man entdeckte nach und nach historische Wurzeln und Ansätze, die es möglich machten, den Weg der Uniformität zu verlassen.

Während Orgelliteratur aus unterschiedlichsten Epochen neu entdeckt wurde, begann man auch im Orgelbau neue "alte" Wege zu gehen. Der Weg zu lebendigen sprechenden Interpretationen wurde im Orgelbau begleitet durch Restaurierungen die alte und wertvolle Instrumente von Umbausünden befreiten.

Für die Organisten-Generation, die diese Entwicklungen erlebte, war es nicht einfach mit diesen Veränderungen umzugehen. Schließlich bedeutete dies im Studium Gelerntes in Frage zu stellen und neuen Zugang zu bekannter und unbekannter Literatur zu finden.

Nicht alle Organisten wollten oder konnten diesen Weg gehen. So entstanden verallgemeinert zwei Lager: 1. Das Lager der Konservativen, die Veränderungen und Rückbesinnung aus unterschiedlichen Gründen ablehnten und weiter am Uniformitäts-Prinzip festhielten und 2. Das Lager der Innovativen, die sich der Herausforderung stellten.

Für welchen Weg sich Ewald Kooiman damals entschieden hat, bleibt keiner und keinem verborgen, der ihn aus Konzert, Unterricht oder "nur" von Tonaufnahmen her kennt. Kooiman ist als Künstler immer ein "Suchender" geblieben, der um das Problem des Absoluten weiß. Traditionell musikalisch erzogen, fand Kooiman durch persönliche Forschung, Quellenanalyse und immer wieder neue Arbeit am Instrument seinen individuellen Zugang zur Musik, der sich heute maßgeblich von dem unterscheidet, was er einst lernte. Hier entdeckt man Parallelen zu philologischen Aspekten, mit denen sich Kooiman ebenfalls beschäftigt hat.

Fragt man ihn nach seinen Vorstellungen für die Zukunft der Orgelmusik, wünscht er sich weiterhin eine gesunde Koexistenz von Wissenschaft und Musik, gegenseitigen Austausch und wechselseitige interdisziplinäre Befruchtung.

Kooiman: "Moderne Orgelspiel denken auch historisch"

Für Kooiman ist es wichtig weder verkopft noch kopflos zu musizieren. Dies bedeutet neben musikalischem Gefühl auch Wissen und Stylistik der jeweiligen Zeit einzubringen und hier die richtige Gewichtung zu finden. Nur durch eine solche Symbiose kann eine seriöse Interpretation mit wirklichen Spannungs-bögen entstehen.

Wer nun denkt, daß historische Denk- und Spielweise zu staubigen oder verstaubten Interpretationen führt, wird von dem vitalen und wachen Niederländer immer wieder überrascht. Von lebendig-zupackend bis hin zu melancholisch-verinnerlicht reicht die Palette der Affekte, die Kooiman seinem Instrument entlockt. Nichts liegt im ferner als musikalische Tristesse oder "objektive" Spielweise. Kooimans musikalischer Ansatz ist es die Orgel sprechen zu lassen, zu Differenzieren, mit dem Musizieren die Seele zu erreichen.

Kooiman: "Wenn es langweilig ist, kann etwas nicht stimmen"

Bei Kooiman entsteht Musik als Dialog zwischen Interpret und Instrument und unbedingt als unmittelbares Ereignis, daß vom hier und jetzt lebt und fasziniert. Interpretationen mögen sich ähneln, gleich sind sie nie! Gerade diese Möglichkeit zu variieren und zu verändern, macht für Kooiman einen besonderen Reiz aus. Denn Orgelspiel ist eine hohe Kunst und das Musizieren als solches ein fortwährender künstlerischer Prozeß.

Ausblick

Diese seine Anliegen weiterhin zu vermitteln, wird Kooimans Aufgabe auch in den kommenden Jahren bleiben. So wird man ihn weiter wie bisher als unermüdlichen Botschafter der Ars organi an diesem oder jenen Ende der Welt antreffen.

Auch seinem Sport, dem für Organisten eher ungewöhnlichen Bodybuilding, wird er weiterhin leidenschaftlich verbunden bleiben. Als weltgewandter Europäer, der sich nie Modeerscheinungen und Wellenbewegungen unterwirft, hat er längst seinen Platz in der Musikgeschichte unseres Jahrhunderts gefunden. Doch dies ist für eine Persönlichkeit wie Kooiman zu wenig. Erreichtes mag zwar zur Ehre gereichen, doch Stillstand kann es für den Künstler um der Kunst Willen nicht geben. Neue Projekte warten bereits und wollen bewältigt werden. So wird Kooiman weiter (musikalische) Konventionen in Frage stellen und sein Wissen weiter vermitteln. Er möchte weiter neugierig bleiben und Anteil an den Entwicklungen der Zukunft nehmen. An Kürzertreten hat er jedenfalls noch nicht gedacht. Fragt man ihn, was von ihm in Zukunft noch zu erwarten sei, zieht er kurz an einer seiner geliebten Zigarren und sagt dann kurz: "viel" Wer Kooiman kennt weiß: damit ist alles gesagt!